Patagonien – das Abenteuer beginnt

Patagonien – das Abenteuer beginnt
Es war Mittwoch. Es war kaum hell, als uns meine Eltern nach Bozen brachten. Von dort ging es in rund 4 Stunden mit einem grünen Flixbus nach Mailand, vom Busbahnhof mit der vollbesetzten Metro ins Stadtzentrum, dann mit einem normalen Linienbus in rund 45 Minuten zum Flughafen Linate.
Ein paar Stunden im McDonalds totschlagen. Dann besorgte uns ein netter Steward am Check-in Tickets für einen früheren Flug, als den den wir gebucht hatten. Von Mailand nach Rom brauchte die kleine Maschine nur knapp 50 Minuten – super easy. Dann hieß es ein wenig länger warten … wir gammelten stundenlang auf den Wartestühlen im großen Flughafen von Rom herum, bis schließlich unser Flug nach Santiago an der Reihe war. Mittlerweile war es Abend.
Wir flogen mit einer alten, großen Boeing. Es war ein 14 Stunden-Flug. Wir saßen in der Mitte der Mittelreihe. Wir konnten beide nicht aufstehen. Lukas’ Kopfhörer funktionierten nicht. Gar nicht. Den ganzen Flug über nicht. Der Service an Bord war unterirdisch. Es war schlichtweg einer unserer schlimmsten Langstreckenflüge und wir waren heilfroh, als wir am nächsten Vormittag endlich in Santiago de Chile ankamen. Noch schnell die Koffer holen, 2 Stunden an der Passkontrolle anstehen, mit dem netten Beamten im holperigen Spanisch ein wenig quatschen und in den ratternden, blauen Flughafenbus steigen.

 

im Flugzeug

Es war heiß. Es war schwül. Gefühlte 30 Grad. Zusammengepfercht und schwitzend saßen  wir mit unseren Wanderstiefeln und den dicken Lagen Kleidung im hinteren Teil des klapprigen Busses und versuchten so gut wie es ging das spanische Gebrummel des Fahrers zu verstehen, als er die nächste Haltestelle aufrief.

Wir hatten für die Einzelfahrt rund 2,50€ pro Person bezahlt. Unsere Koffer waren vom Fahrer irgendwo in den Tiefen des Gepäckraums verstaut worden und wir hofften, dass wir sie an unserer Haltestelle wiedersehen würden.
Die Fahrt dauerte rund 1 Stunde. Wir fuhren an Industriegebieten und Wohnsiedlungen vorbei und kamen immer weiter Richtung Stadtzentrum. Die Häuser und Shops wurden zunehmend nobler, die Gartenanlagen gepflegter. Plötzlich schrie der Busfahrer “Los Heroes” – da mussten wir raus!
Der Bus hielt an einer Ausweichstelle an der großen Hauptstraße. Wir nahmen erleichtert unsere Koffer entgegen und machten  uns mit Sack und Pack zu Fuß auf den Weg zu unserem Hotel. Wir folgten der vielbefahrenen Hauptstraße, die Sonne brannte auf uns herab. Die Wanderschuhe wogen gefühlte 20kg, die Füße schmerzten bei jedem Schritt. Mittlerweile waren wir seit rund 30 Stunden unterwegs. Wir waren müde. Die Nerven lagen blank.

Patagonien aus der Luft

 

Nach 15 Minuten erreichten wir das ersehnte Hotel. Wir hatten es bereits vorher zuhause gebucht. Die Formalitäten waren zwar ein wenig holperig auf Spanisch, doch schnell erledigt. Dann schleppten wir noch unsere schweren Koffer und Rucksäcke die endlosen, engen Stufen hinauf in den ersten Stock, bevor wir die klobigen Bergschuhe in die Ecke warfen und totmüde in unser Bett fielen.

Geschafft. Endlich.
Nach einem kurzen Schläfchen beschlossen wir uns die Stadt ein wenig anzuschauen. Mit kurzen Hosen und Caps machten wir uns auf den Weg ins nahegelegene Stadtzentrum. Mittlerweile war es später Nachmittag, doch die Sonne brannte immer noch erbarmungslos vom Himmel. Kein Wölkchen war zu sehen.

Italiano chico

 

Wir schlenderten gemütlich an der großen Av. O’Higgins und den belebten Einkaufsstraßen herum und bestaunten die überdimensional große chilenische Fahne, die an der Hauptstraße fröhlich vor sich hin flatterte.
Santiago de Chile gefiel uns im Allgemeinen sehr gut. Gepflegte Grünanlagen, noble Altbauten, kleine gepflasterte Sträßchen (vor allem um den malerischen, schon fast europäisch wirkenden Barrio Londres París), lebendiger Verkehr mit knatternden Bussen und Menschenmassen, die an den unzähligen kleinen Imbissständen auf der Straße Schlange standen.
Nachdem wir uns an den Straßenständen durch köstliche Empanadas und süßes “Mote con Huesillos” (ein Erfrischungsgetränk mit eingelegten Weizengraupen und Pfirsichen – sehr lecker!) geschlemmt hatten, aßen wir in einer typischen Kneipe leckere Hotdogs – “Italiano Chico” – quasi das Nationalgericht der Chilenen. Weißes Brötchen, Würstchen, frische Tomaten, Avocado und Saucen. Lecker. Dazu genossen wir ein kühles Bier und ließen den anstrengenden Tag ausklingen.
In den wenigen Stunden, die wir in der chilenischen Hauptstadt verbrachten, bekamen wir einen kleinen ersten Eindruck vom südamerikanischen Land und waren von den überaus freundlichen, herzlichen Menschen begeistert. So gut wie niemand sprach Englisch, doch mit einem freundlichen Lächeln und ein wenig “Handgefuchtel” konnten wir uns gut verständigen. Wir fühlten uns auch am Abend bzw. in der Früh in keinster Weise “unsicher”.

Küste bei Punta Arenas

 

Am nächsten Tag ging es für uns schon in den frühen Morgenstunden los. Müde stiegen wir in das wartenden Taxi vor dem Hotel. Für die 30 minütige Fahrt zum Flughafen bezahlten wir knapp 15€ (da es 04.00 Uhr morgens war, konnten wir leider nicht mit dem Flughafenbus zum Flughafen zurück fahren – nach Nachfrage erfuhren wir, dass dieser nur von 07.00-24.00 Uhr fahren würde).
Nach einigen klebrig süßen Donkin’Donuts am Flughafen flogen wir mit einer kleinen Maschine von “SkyAirlines” in den Süden – nach Punta Arenas. Der Flug war angenehm und dauerte rund 3 Stunden.
Nachdem wir unsere Koffer geholt hatten, hüpften wir in ein Taxi und fuhren direkt zur Mietwagenfirma.
Das Wetter war erstaunlich gut. Nur ein paar weiße Wölkchen waren zu sehen, der Wind wehte nur leicht. Das Taxi raste über den Highway, im Radio lief spanischer Folk, wir beobachteten aufgeregt die an uns vorbeirauschende Landschaft. Steppe, Küste, rostende Lagerhäuser, am Straßenrand abgestellte Lkws und bunte Wohnhäuser mit gepflegten Gärten.

 

unser Campervan

Nach ein paar Minuten bog unser Fahrer rechts auf eine kleine Schotterpiste ab und stoppte an einem der Wohnhäuser. Ein aufgeregter Hund kam mit wedelndem Schwanz auf uns zu gelaufen, gefolgt von einem netten jungen Mann mit blauen Overall. “Hi, welcome to Wickedcampers.”, sagte er freundlich und reichte uns die Hand.
Wir folgten ihm auf das Gelände. Vor dem Haus erstreckte sich eine große Wiese, auf der viele bunter Campervans wild verstreut herumstanden – hier waren wir richtig!
Wir hatten uns schon zuhause für einen Campervan von Wickedcampers für unsere Patagonien-Reise entschieden. Die kleinen, umgebauten “Lieferautos” waren sehr viel günstiger, als ein normaler Camper und boten dabei die selbe Ausstattung – wenn auch in einer minimalistischen Form (die bunten Wickedcampers gibt es übrigens fast weltweit).

 

unser Campervan

Unser Campervan war ein eckiger Chevrolet – das kleinste Modell, das die Firma anbot. Auf einer Seite befand sich ein bunter “Wickedcampers” Schriftzug, auf der Anderen ein Grafitti, das einen berühmten argentinischen Rockmusiker der 70er und 80er Jahre zeigte – Charly Garcia. Auf der Rückseite des Wagens prangte in schlichten schwarzen Buchstaben ein Spruch auf spanisch: “No soy adicto a la cocaina, solo me gusta como huele”, was so viel bedeutet wie “Ich bin nicht süchtig nach Kokain, ich mag nur wie es riecht.” 😉
Bei unserem Wagen befand sich die vollausgestattete Küche im Kofferraum. Dort fand ein Waschbecken mit Pump-Wasserhahn, Regale voller Küchenutensilien wie Besteck und Töpfe, eine Kühlbox, Campingstühle und der mobile Gaskocher Platz. Hinter den Vordersitzen befand sich das Bett mit weichen Matratzen, das man ganz fix in einen Esstisch mit Bänken verwandeln konnte.
Unser gesamtes Gepäck konnten wir leicht im Stauraum unter dem Bett und den Bänken verstauen. Weiters befanden sich ein kleiner Feuerlöscher und alle notwendigen Sicherheitsutensilien (wie Warndreieck und -weste) im Auto. (Es gab auch größere Modelle von Campervans oder Jeeps mit und ohne 4×4, mit oder ohne Dachzelt, die in der Ausstattung ein nur wenig variierten).

unser Campervan

Der nette junge Mann gab uns einen kurzen Einblick in die wichtigsten mechanischen Details des Wagens – Reservereifen, Öl- und Kühlwassertank … mit dem überaus freundlichen Chef Alejandro klärten wir anschließend alle Formalitäten.
Er nahm sich Zeit für jede noch so unbedeutende Frage und Unsicherheit unsererseits und erzählte eine Menge über Straßenzustände, Fahrverhalten der Einheimischen, das “wilde Campen”  in Patagonien und das Prozedere bei Grenzübertritten (wir durften unlimitiert über die Grenze nach Argentinien und zurück fahren.)

(siehe Patagonien – good to know für mehr Informationen über Fahrverhalten, Straßenzustände, das Prozedere am Grenzübergang usw.)

 

Alejandro empfahl uns bei unserer groben Route zu bleiben und in 1 Monat nicht sehr viel weiter als bis nach El Chaltén hinauf und bis Ushuaia hinunter zu fahren. Und einen extra Benzinkanister mitzunehmen bzw. so oft wie möglich aufzutanken (speziell bevor man in einen der Nationalparks fährt, denn da gibt es meistens keine Tankstellen).

unser Campervan

Nach einer knappen Stunde packten wir aufgeregt unsere sieben Sachen in den Wagen und fuhren mit unserem ratternden Chevrolet vom Gelände. Die ersten Hundert Meter waren noch ein wenig ungewohnt, doch schon bald hatten Lukas und ich den Dreh raus und düsten vergnügt durch den chilenischen Verkehr.
Unsere ersten Stops sollten eine Tankstelle und ein großer Supermarkt in Punta Arenas sein. Dafür wollten wir zur zollfreien Zone am Stadtanfang fahren. Dort tankten wir auf und hetzten durch jeden einzelnen der großen Shops und durchforsteten jedes Regal bis wir nach 2 Stunden schließlich alle benötigten Sachen beisammen hatten. (Die Supermärkte sind zwar sehr, sehr groß, doch nicht sehr vielfältig. Es gibt zB. kein frisches Obst und Gemüse und nur sehr wenig Beautyprodukte wie Shampoo. Auch die Preise sind nicht gerade billig. Wir persönlich würden dort nicht mehr einkaufen und sofort zu einem “normalen” Supermarkt fahren.)
Bis zum Schluss hatten wir ein paar Packungen Nudeln, Sauce, Salz, Olivenöl, Brot, Käse, Milch und Cornflakes, Saft, Kekse und Chips und sehr viel Wasser in unserem Campervan verstaut. Außerdem deckten wir uns mit mehreren Flaschen Campinggas ein.

Schiffswracks

Dann machten wir uns auf den Weg Richtung Norden. Es dämmerte bereits, das Wetter war immer noch freundlich – fast so, als würde uns Patagonien willkommen heißen. Nach einiger Zeit bogen wir nach rechts und stoppten bei San Gregorio – eine verlassene Geisterstadt rund 170km nordöstlich von Punta Arenas.
Dort lagen direkt neben der Straße zwei vor sich dahinrostende, alte Schiffswracks auf dem Sand. Die untergehende Sonne tauchte sie in warmes Rot, die kleinen Wölkchen dahinter in leuchtendes Rosa. Das hohe Schilf am Strand wog im Wind, Küstenvögel hüpften kreischend durch den Sand. Die gesamte Szenerie war äußerst malerisch. Wir verbrachten einige Zeit an den Schiffen, streiften umher und machten Fotos. Wir waren völlig alleine. Es war der perfekte Auftakt unserer Patagonienreise.
Als es dunkel wurde, suchten wir uns nahe der Schiffswracks ein ruhiges Plätzchen für unsere erste Nacht in Chile. Wir bogen dafür auf eine kleine Schotterpiste, die laut Navi irgendwo ins Nirgendwo führte, und hielten dort nach ein paar Kilometern am Straßenrand. Weit und breit war kein Haus zu sehen, nur Steppe, Grasbüschel und einsame Zäune. Man konnte das dumpfe Donnern der schweren Lkws auf der fernen Straße  zwar noch hören, doch sie nicht mehr sehen. Hier würden wir bleiben.

Patagonien bei Nacht

Wir bauten das Bett zum Tisch um und bereiteten uns Abendessen zu – leckere Nudeln mit Tomatensauce und Thunfisch. Dann noch abspülen, den Tisch wieder zurück zum Bett bauen, Matten ausbreiten und schon bald darauf schlummerten wir friedlich in unseren warmen Schlafsäcken ein.
Unsere erste Nacht war ruhig und sternenklar – perfekte Voraussetzungen für Lukas, um schöne Fotos von den milliarden funkelnder Sterne über uns zu schießen.
Am nächsten Morgen entdeckten wir mehrere wilde, große Füchse, die um unseren Van schlichen. Als wir beim Frühstück saßen, donnerten ein paar schwere Lkws an uns vorbei und zogen dabei eine dicke Staubwolke hinter sich her. Die Fahrer hupten und winkten uns freundlich. Ein wirklich toller Empfang.

einsame Steppe

Dann ging es mit unserem bunten Campervan weiter Richtung Punta Delgada – der Anlegestelle der Autofähre nach Feuerland. Tierra del Fuego sollte unser erster großer Stop in Patagonien werden. Alejandro hatte uns dazu geraten, da die Fähren bei schlechtem Wetter oft nicht starten würden. Würde man also Feuerland auf die letzten Urlaubstage verschieben, komme man eventuell in unnötige Stresssituationen sollten die Boote nicht fahren.
Als wir am Hafen ankamen, legte gerade eine der Fähren an und ließ die Autos und Lkws von Bord fahren. Wir reihten uns mit dem Wagen in die wartende Schlange ein und bereits nach wenigen Minuten durften wir mit einigem Gehoppel auf die Fähre fahren. Aufregend! Wir beide waren noch nie zuvor mit einer Autofähre gefahren. Bezahlt wurde dann im Kassenhäuschen an Bord (rund 15.000 Chilenische Pesos insgesamt – ca. 20€. Die Fähre fährt den ganzen Tag über hin und her – sofern das Wetter mitspielt. Es gibt keinen Fahrplan, man braucht keine Anmeldung).

auf nach Feuerland

Das Wetter war gut und die Fahrt dauerte nur knapp 10 Minuten. Wir standen auf dem Oberdeck der ratternden Fähre und blickten über die Magellanstraße. Man konnte das Ufer Feuerlands genau erkennen – ganz so, als wäre es nur einen Steinwurf entfernt.
Dem portugiesischen Seefahrer Magellan gelang hier im Jahr 1520 die Durchfahrt zum Pazifischen Ozean und schließlich die erste Weltumseglung – wenn auch mit verherenden Verlusten. Nach knapp 3 Jahren auf See, mehreren Meutereien, Stürmen und Kämpfen mit Einheimischen konnten nur mehr 18 Mann, der insgesamt 240 und nur mehr eins, der 5 gestarteten Schiffen nach Hause zurückkehren – auch Magellan selbst überlebte die Fahrt nicht.
Der Wind wehte unsere Haare wild durcheinander, das Meer schimmerte dunkelblau und schwarz-weiße Delfine hüpften vor dem Bug in den Wellen hin und her. Melancholisch blickten wir über die Meeresstraße. Hinter dem nächsten Hafen lag Feuerland – das Ende der Welt.

 

 

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