Patagonien – von Bergen und Seen

Patagonien – von Bergen und Seen

Schwere Wolken hingen an den schneebedeckten Andengipfeln. Es nieselte leicht. Wir folgten dem Highway Richtung Süden. Grasende Lamas, endlose Steppe, hier und da ein vorbeihuschender Hase – das gewohnte Bild. Wir fuhren den ganzen Tag über, um Zeit zu sparen und möglichst viele Kilometer hinter uns zu bringen. Bei Esperanza versorgten wir uns mit Benzin, Snacks und Wifi und suchten uns dann vor Rio Turbio ein ruhiges Plätzchen für die Nacht – irgendwo im Nirgendwo inmitten von sanften Hügeln.

Patagonien bei Nacht

Am nächsten Morgen setzten wir unsere Reise gen Süden fort. Wir passierten Rio Turbio – eine graue Industriestadt – und anschließend die argentinische und chilenische Grenze. Erneut: keinerlei Probleme bei den Grenzübergängen.
Einige Stunden später kamen wir in Puerto Natales an. Das tiefblaue Wasser des Fjords leuchtete in der warmen Nachmittagssonne. Küstenvögel saßen kreischend auf den alten Holzpfählen. Wir tankten, füllten unseren Reservebenzinkanister und stopften unseren Kofferraum bis obenhin mit Lebensmitteln voll. Wir wollten endlich in den Torres del Paine Nationalpark und da es innerhalb des Parks keine Shops oder Supermärkte gibt, mussten wir Proviant für circa 1 Woche einkaufen (im Nationalpark gibt es auch keine Tankstelle).

Los Cuernos in der Dämmerung

Vollbepackt machten wir uns auf den Weg in den Park und folgten der holperigen Schotterstraße Richtung Westen. Die Bäume, die die Straße säumten, waren über und über mit einer dicken Staubschicht überzogen. Die Straße war in einem miserablen Zustand.
Als es dämmerte, stopten wir an einem schönen großen Aussichtspunkt direkt vor dem Parkeingang bei der “Porteria Serrano”. Die berühmten “Cuernos” des Torres del Paine Massivs waren bereits am Horizont zu erkennen. Zu unseren Füßen glitzerte das Wasser des Lago del Toro. Die untergehende Sonne tauchte die gesamte Szenerie in ein warmes Rosa. Einfach unbeschreiblich schön.
Wir stellten unsere Campingstühle neben die kleinen Margeriten, die fröhlich am Straßenrand blühten und kochten vor dem wunderbaren Bergpanorama. “Abendessen mit dem besten Ausblick der Welt!”, dachten wir.

 

Abendessen mit Ausblick

Am nächsten Morgen wurden wir von lautem Geplapper geweckt. Ein vollbesetzter, argentinischer Reisebus hatte direkt neben uns am Aussichtspunkt gestoppt. Die Touristen musterten neugierig unseren Campervan, diskutierten lautstark und machten Fotos mit dem Konterfei ihres berühmten Rockstars. Wir waren mittlerweile daran gewöhnt mit unserem bunten Wagen aufzufallen. Auf der gesamten Reise wurden wir wegen den Graffittis auf dem Auto immer wieder angesprochen, sogar während der Fahrt angehalten, weil jemand ein Foto machen wollte. Es war sehr amüsant.

 

Torres del Paine Nationalpark

Nach einem kurzen Frühstück machten wir uns auf den Weg zum Nationalparkeingang einige Kilometer weiter. An der Rangerstation bezahlten wir die Eintrittsgebühr (rund 30€ pro Person. Man kann auch in Euro oder Dollar bezahlen. Der Eintritt ist unlimitiert gültig, doch man darf den Park nicht verlassen. Sobald man ihn verlässt zB. um zu tanken oder einzukaufen, gilt das Ticket nur noch für die 3 darauffolgenden Tage).
Wir deckten uns mit Kartenmaterial ein und erkundigten uns bei den Rangern über empfohlene Tageswanderungen und über “genehmigte” Stellplätze für unseren Campervan (mit einem eigenen Camper – egal welche Größe – darf man innerhalb des Parks nur an wenigen ausgewiesenen Stellen nächtigen bzw. campen.
Das “wilde” campen bzw. “freie stehen” ist im gesamten Park strengstens untersagt. Schade, doch verständlich. Ein Tourist hatte im Jahr 2012 angeblich verbotenerweise ein Lagerfeuer entfacht und damit rund 1/3 des Parks zerstört. (Auch 2005 wütete ein verheerendes Feuer im Park, das vermutlich auch von einem Touristen entfacht wurde.)

Wanderung im Nationalpark

Unser Plan für den Torres del Paine Nationalpark war es einige Tageswanderungen zu unternehmen – sofern es das Wetter zuließe. Die Mehrtageswanderungen um den W – oder O – Track kamen dieses Mal für uns nicht in Frage (dafür hätte man die Unterkünfte im Voraus buchen müssen).
So fuhren wir als erstes zur Rangerstation “Guardería Grey” im Westen des Parks. Die Schotterpiste zum Lago Grey war in einem äußerst schlechten Zustand und führte uns durch flache, trockene Steppe, die weltberühmte Sihouette der Cuernos gleich dahinter am Horizont.
Als wir an der Rangerstation angekommen waren, hatten sich bereits dicke Wolken vor die Sonne gedrängt. Es wurde zunehmends kälter. Wir fragten die Ranger nach empfohlenen Wanderungen und ihrer Erlaubnis auf dem Parkplatz zu campen. Alles kein Problem.

Torres del Paine

Wir schulterten unsere Rucksäcke und machten uns auf den Weg zum “Mirador Ferrier”. Der Weg startet direkt an der Rangerstation und führt steil bergauf zu einem der schönsten Aussichtspunkte des gesamten Parks. Doch bereits nach wenigen Hundert Metern begann es zu regnen. Wir machten Kehrt und entschlossen uns einen anderen Wanderweg einzuschlagen: den Pfad zu einem Aussichtspunkt direkt an der großen Gletscherlagune Lago Grey.
Dieser Weg begann direkt am Parkplatz der Rangerstation und führte uns zunächst über eine wackelige Hängebrücke, durch schönen dichten Laubwald und schließlich über eine endlos lange, flache Sandbank aus schwarzen Steinen, an deren Ende sich eine kleine Felseninsel befand.
Wir stapften über die nassen Steine am Strand. Es schüttete aus Kübeln. Als wir an der Spitze der schönen, mit niederen knorrigen Sträuchern bewachsene Insel angekommen waren, eröffnete sich ein toller Blick auf den Grey Gletscher und seiner Lagune. Einige blaue Eisberge schwammen im kalten, grauen Wasser. Wir genossen trotz Regen den Ausblick und unsere Sandwiches. Das war Patagonien – nass, kalt und windig.

 

Torres del Paine

Am nächsten Morgen zeigte sich Patagonien von seiner freundlicheren Seite. Nur wenige Wolken standen am Himmel, die Sonne schien, doch der Wind bließ erbarmungslos. Wir entschlossen uns trotzdem zu einer kleinen Wanderung. Wir folgten der schlechten Schotterpiste bis zum Camping Pehoé und dem schmalen Pfad, der dort direkt zwischen den Stellplätzen startete. Er führte uns rund 30 Minuten steil bergauf durch hohes Gras und trockene Felslandschaft. Der Wind bließ mittlerweile so stark, dass es uns fast vom Weg fegte. Gehen wurde zunehmend schwerer.
Als wir am Aussichtspunkt “Mirador Condor” ankamen, eröffnete sich ein wundervoller Blick auf die hoch aufragenden Cuernos mit ihrem auffallenden Granitstreifen. Darunter glitzerte der strahlend blaue Lago Pehoé. Der Anblick war spektakulär, doch der unbarmherzige Wind  trieb uns die Tränen in die Augen. Stehen wurde unmöglich, atmen auch (von den Rangern erfuhren wir später, dass es an jenem Tag über 100km/h Wind waren). Zusammengekauert suchten wir hinter einem Felsen Zuflucht und machten uns nach wenigen Minuten wieder auf den Rückweg (man kann den Aussichtspunkt auch auf einem kleinen, weniger steilen Pfad ab der Hostería Pehoé erreichen).

Patagonien

Bei einer kurzen Pause am schwarzsandigen Strand direkt vor dem Camping Pehoé genossen wir den Blick auf die markanten Berggipfel, bevor wir uns an der Sede Administrativa Conaf ein ruhiges Plätzchen für die Nacht suchten.
Die Tatsache, dass man mit einem eigenen Camper nur auf ausgewiesenen Parkplätzen bleiben musste, trübte unsere Stimmung. Die Plätze waren kahl und oft sehr überlaufen, man fühlte sich beobachtet und unwohl. Und jede Nacht in einem der Campingplätze zu nächtigen, war mit unserem begrenzten Budget einfach nicht möglich. Wir waren auch nicht nach Patagonien gekommen um schlussendlich auf Campingplätzen zu bleiben. Wir wollten “frei stehen” – “wild campen” – wo und wann wir wollten. An einem schönen Fluss oder am Strand oder vor einem tollen Bergpanorama …

Am nächsten Morgen das gewohnte Bild: grau in grau – plus Wind. Wir beschlossen ein wenig durch den Park zu fahren. Wir folgten der miserablen Schotterpiste und ärgerten uns über die endlosen Querrillen und Schlaglöcher. Wir kamen am schönen Salto Chico, dem “kleinen Wasserfall” am Hotel Explora vorbei, fuhren durch Wälder voller abgestorbener, schwarzgefärbter Baumstümpfe und hügelige Steppe mit niederen Grasbüscheln, in der wilde Guanakos grasten.

Torres del Paine

Als  wir an der Rangerstation Portería Laguna Amarga ankamen, erhaschten wir einen kurzen Blick auf die drei aufragenden “Torre”, die dem Nationalpark seinen Namen geben. Wir beschlossen unser Nachtlager in diesem Teil des Parkes aufzuschlagen und stellten unseren Wagen am ausgewiesenen Platz am Fluss unterhalb der Rangerstation ab (mit Abstand der schönste Stellplatz im ganzen Park! Er lag an einem netten Fluss, etwas abseits der “Hauptstraße”).
Wir verbrachten den ganzen Tag damit, Wäsche zu waschen, faul rumzuliegen und einem spanischen Pärchen, die neben uns geparkt hatten, den platten Reifen an ihrem alten Van zu wechseln.

Der nächste Morgen – welch eine Überraschung – war wieder einmal traurig grau. Dicke Wolken verhüllten die Berggipfel, es nieselte leicht, es war kalt. Unsere Laune war am Tiefpunkt. Wir beschlossen den Park für einen Tag zu verlassen und fuhren zur schönen Laguna Amarga außerhalb der Parkgrenze. Am Ufer des großen Sees erstreckte sich ein weites, ausgetrocknetes Lehmfeld, an dem viele rosa Flamingos herumstapften.

Wasserfall “Cascada Paine”

Wir verbrachten einige gemütliche Stunden am See und fuhren anschließend zur wunderschönen “Cascada Paine”, einem großen Wasserfall am nördlichen Ende des Nationalparks, und zum “Salto Grande” in der Mitte des Parks.

Am Abend nächtigten wir erneut an der Sede Administrativa Conaf und beschlossen, dass es unsere letzte Nacht im Nationalpark werden würde. Wir hätten zwar noch ausreichend Zeit für einige weitere Tage gehabt, doch wir waren ausgelaugt und demotiviert. Das Wetter war schlecht und wir mussten auf ungemütlichen Parkplätzen schlafen. Wir hatten uns alles ein wenig anders vorgestellt und waren vom Park allgemein eher enttäuscht. Klar, die Berge und Seen waren toll, doch (ehrlich gesagt) den hohen Eintrittspreis unserer Meinung nach nicht wert.

Wanderung zu den Cuernos

Der nächste Morgen zeigte sich etwas freundlicher. Der Wind bließ zwar erneut mit rund 100km/h, doch die Sonne schien. Wir beschlossen vor unserer Abreise, eine letzte kurze Wanderung zu unternehmen. Wir folgten dafür dem kleinen Pfad vom “Salto Grande” aus Richtung “Mirador Cuernos”. Der Weg führte uns durch hügeliges, felsiges Gebiet mit verkohlten Bäumen. Die schönen Cuernos bohrten sich am Horizont vor uns in den blauen Himmel. Der Wind wirbelte Staub und kleine Wassertropfen auf und wehte uns fast aus den Schuhen.
Den Aussichtspunkt erreichten wir nach einer knappen Stunde. Wir genossen den tollen Blick und alberten im tosenden Wind herum.
Dann hieß es Abschied nehmen – was uns nicht sonderlich schwer fiel. Wir folgten der schlechten Schotterpiste aus dem Park. Mit jedem Kilometer wurden die Berggipfel der Cuernos im Rückspiegel kleiner und kleiner. Und die Last auf unseren Schultern leichter und leichter. Als würde wir mit jedem zurückgelegten Kilometer ein Stückchen unserer Freiheit wieder erlangen. Der Freiheit zu bleiben wo wir wollten. Zu stoppen wo und wann und wie lange  wir wollten. Unbeobachtet zu sein. Und frei.

 

 

und weiter geht’s: von Delfinen und Abschied

 

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