Patagonien – von blauen Gletschern

Patagonien – von blauen Gletschern

Es wurde dunkel. Wir verließen die Anlegestelle der Feuerland-Fähre und folgten dem Highway für mehrere Kilometer. Vor San Gregorio fanden wir direkt am Strand ein Plätzchen für die Nacht. Die tosenden Wellen brachen am schwarzen Sandstrand, es roch nach Meer.
Am nächsten Morgen präsentierte sich das liebe Wetter in gewohntem Grau. Wir frühstückten und machten uns dann auf den Weg Richtung Westen – unser Ziel war Puerto Natales.
Der Highway führte uns durch einsame Steppe, vorbei an grasenden Lamas und aufgeschreckten Vogelschwärmen. Alle paar hundert Meter lag ein überfahrenes Tier samt gieriger Aasfresser am Straßenrand – meistens Hasen, aber auch Füchse und Gürteltiere. Nach einigen Kilometern kamen wir an einen schönen See, an dessen Ufer rosa Flamingos und Nandus umherstapften. Wir hatten noch nie zuvor solche Tiere in freier Wildbahn gesehen! Einfach wunderschön.

Straße durch Patagonien

Nach einigen mehreren Stunden kamen wir schließlich in Puerto Natales an – dem Tor zum weltberühmten Torres del Paine Nationalpark. Unser erster Stop war die kleine Touristeninformation an der Uferpromenade. Kreuzfahrtschiffe lagen im tiefen Fjord vor Anker, dicke Wolken zogen an den nahen Berghängen vorbei. Am Horizont ließen sich hohe schneebedeckte Gipfel erahnen, doch die Sicht war schlecht. Es regnete. Es war kalt. Wir blickten etwas niedergeschlagen auf die alten Holzpfeiler, die aus dem Wasser ragten und nun nur mehr den Küstenvögeln dienten.

Wir hatten so auf gutes Wetter gehofft. Gehofft, dass wir der Sonne hinterherfahren könnten. Doch nun drohte unser Besuch in diesem Nationalpark auch im wahrsten Sinne des Wortes ins Wasser zu fallen.
Mit nassen Schuhen stapften wir in das kleine Häuschen der Touristeninformation und deckten uns dort mit Kartenmaterial ein. Der nette Mitarbeiter erzählte uns von heftigen Regenfällen in den letzten Tagen. Viele Wanderwege im Park seien wegen Überschwemmungen gesperrt. “Fahrt jetzt lieber weiter und kommt in ein paar Tagen wieder zurück.”, sagte er mit ruhiger Stimme. Hm, ok das wäre sicher die beste Entscheidung.
Wir fuhren in die Innenstadt von Puerto Natales, vorbei an schönen bunten Häusern mit weißen Fensterrahmen, schicken Bars und modernen Hostels. Touristen mit farbenfrohen GoreTex Jacken wuselten auf den Straßen umher.

Patagonien bei Nacht

Nach einer ruhigen Nacht, die wir an einer Seitenstraße etwas außerhalb der Stadt verbracht hatten, führten wir unsere Reise Richtung Norden fort. Es machte keinen Sinn im Torres del Paine Nationalpark zu bleiben, wenn das Wetter schlecht und die Wege unpassierbar waren. Wir würden in ein paar Tagen auf unserem Weg zurück nach Punta Arenas sowieso erneut am Park vorbeikommen. Vielleicht würden wir dann mehr Glück mit dem Wetter haben.
Wir folgten der Straße und kamen schon bald zum Grenzposten bei Cerro Castillo.  Die Formalitäten an dem chilenischen und argentinischen Grenzhäuschen waren wieder schnell erledigt und bereits nach wenigen Minuten brausten wir auf der asphaltierten, breiten Straße Richtung El Calafate davon.

Der Highway führte uns 240km durch sanfte Hügel, vorbei an kleinen Wäldchen und Meeren aus blühenden, bunten Lupinen. Vor El Calafate kämpfte sich die Straße  einige hohe Hügel hinauf, von denen man einen spektakulären Ausblick auf das darunterliegende Flusstal hatte. Am Horizont erhoben sich schroffe Andengipfel.

Am Nachmittag hatten wir El Calafate erreicht. Ein wirklich schmuckes Städtchen, das am riesengroßen Lago Argentino lag. Der atemberaubende See ist mit über 1.400km² und 500m Tiefe der größte See Argentiniens und leuchtet milchig blau (sogar die Wolken über dem See, der durch mehrere Gletscher gespeist wird, leuchten durch die Spiegelung hellblau!).
El Calafate ist das Tor zum weltberühmten “Perito Moreno Gletscher” und besticht durch unzählige Souvenirshops, Restaurants, schöne Hotels und wundervolle, kunterbunte Villen am Seeufer. Ein wirklich wunderschönes Städtchen, doch auch sehr touristisch.

 

unser Campervan

An einer kleinen Kreuzung bogen wir auf eine schmale, einsame Schotterpiste, die bis zum Campamento Lago Roca führte. Der bunte Campervan ratterte über die Rillen der Schotterpiste und zog eine dicke Staubwolke hinter sich her, Lukas drückte aufs Gaspedal. Plötzlich stoppte er promt. Ein Gürteltier tapste vor uns über die Straße. Ein Gürteltier! Wir konnten unseren Augen nicht trauen, wir hatten noch nie so ein ulkiges Geschöpf in freier Wildbahn gesehen.

An einer einsamen Ausweichstelle schlugen wir unser Nachtlager auf.
Die Sonne ging glühend rot hinter den Andengletschern am Horizont unter. Der Anblick war unglaublich schön. Wilde Hasen hoppelten über die Straße, kleine Schmetterlinge flatterten von einer Wildblume zur nächsten, Schwärme voller kleiner Vögel sangen für uns. Wir waren allein. Wir, ein paar Hasen und dieses wunderbare Bergpanorama. “Genau für diese Momente machen wir das alles!”, dachten wir. Für diese Ausblicke, für diese Stille … und diesen Frieden.

Perito Moreno Gletscher

Am nächsten Morgen strahlte die Sonne durch die Vorderscheiben des Wagens und kitzelte uns an den Nasenspitzen. Das Wetter war traumhaft! Keine Wolke, kein Wind, nur weiter, blau leuchtender Himmel.
Wir machten uns auf den Weg Richtung “Los Glaciares Nationalpark”. Vor dem Eingang bezahlten wir den Eintrittspreis (500 Argentinische Pesos pro Person – rund 28€ – doch die sind es Wert! Achtung: es ist nicht möglich mit Kreditkarte zu bezahlen. Auch Euros oder Dollar werden normalerweise nicht akzeptiert. Wir hatten Glück, ein Ranger konnte uns dann doch Dollar in Pesos wechseln. Zusammen mit der Eintrittskarte bekommt man eine Wanderkarte und eine Plastiktüte, um seinen Müll wieder einzupacken. Der Eintrittspreis gilt für einen vollen Tag, bzw. für zwei, sofern man ab Abend im Campamento Lago Roca nächtigt und sich dort einen Stempel besorgt).
Aufgeregt machten wir uns auf den Weg zum Gletscher. Die schmale, asphaltierte Straße schlängelte sich durch das hügelige Gelände und folgte dem Ufer eines hübschen Sees. Nach einigen Kilometern kamen wir zu einem Aussichtspunkt. Mehrere Touristen hatten sich dort versammelt. Wir stapften die wenigen Stufen den kleinen Hügel hinauf und da war er plötzlich: der Perito Moreno Gletscher strahlte zwischen den hohen Berghängen. Der Anblick war unbeschreiblich schön.

Aussichtspunkt an der Straße zum Gletscher

Einige Kilometer weiter stoppten wir erneut an einem wunderbaren Aussichtspunkt, bevor wir aufgeregt zum großen Parkplatz direkt vor  dem Gletscher fuhren. Es war früher Vormittag, doch bereits unzählige Reisebusse hatten sich versammelt. Chinesische Touristengruppen, einzelne Wanderer und lautstarke Einheimische mit kleinen Kindern wuselten vor dem Restaurant am Parkplatz herum.
Wir schulterten unsere Rucksäcke und machten uns auf den Weg. Wir folgten dabei einem der zahlreichen, in verschiedenen Farben markierten Wanderwegen (es gab auch einen gratis Shuttle, der einem zum höchsten Punkt des Wegenetzes brachte). Auf einem stählernen Steg schlenderten wir vergnügt am Seeufer entlang, knorrige Bäume säumten unseren Weg, kleine, verrückt geformte Eisberge trieben im kalten Wasser. Und am Horizont: dieser unglaublich schöne, blau leuchtende Gletscher unter den gezackten Berggipfeln. Wir konnten unseren Blick kaum abwenden, mussten alle paar Meter stehen bleiben und Fotos schießen.

am Perito Moreno Gletscher

An jenem herrlichen Tag waren viele Touristen am Gletscher, doch das gesamte Areal und das verzweigte Wegenetz war so weitläufig, dass sie nicht weiter störten. Alle Wege waren auf neuen Stahlstegen angelegt, die kreuz und quer am Fuß des Gletschers herumführten. So war die Natur bestmöglich geschützt und keiner konnte in den Wäldern herumtrampeln.
Wir verbrachten den gesamten Tag am Gletscher, saßen auf den Holzbänken an den Aussichtspunkten, genossen die Sonne und staunten über die gewaltigen Eismassen. Wir wanderten auf den Wegen herum und schossen unmengen an Fotos.
Die schiere Größe des Gletschers lässt sich nur schwer in Worte fassen. Das Eis führte kilometerlang den Berghang hinauf, war an seiner Bruchstelle bis zu 70m hoch und mit unzähligen blau leuchtenden Rissen und Spalten durchzogen. Das Besondere an diesem Gletscher ist jedoch nicht nur seine Größe, sondern die Tatsache, dass er der einzigste Gletscher weltweit ist, der jedes Jahr wächst (bis zu 2m pro Tag!). Alle paar Minuten krachten riesige Eisbrocken mit lautem Getöse in den blauen See. Jedesmal ein heiden Spektakel, das von den Touristen lautstark bejubelt wurde.

Perito Moreno Gletscher

Gespannt blickten wir auf das Eis, es knackste, es grollte, Ausflugsboote wiegten im kalten Wasser, riesen Kondore kreisten über uns … und wir fühlten uns angesichts dieser Naturgewalt klein und unbedeutend. Der Tag am Gletscher war eines unserer Highlights der gesamten Reise. Ein unvergessliches und wunderschönes Erlebnis.

 

 

weiter geht’s zum schönsten Ort der Welt!

 

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